Mittwoch, 13. August 2008

Um die Atomhaftung ist es schlecht bestellt /11.08.08

Quelle: TELEPOLIS, von Annette Hauschild/Helmut Lorscheid 11.08.2008
In den meisten EU-Ländern mit Atomkraftwerken gibt es kaum eine nennenswerte Haftung bei Unfällen

Atomkraftwerke lohnen sich vor allem für die Betreiber (Mehr als ein Sommertheater?). In den meisten europäischen Ländern gibt es nicht einmal eine nennenswerte Haftung für große Unglücksfälle. Dabei verursacht die radioaktive Umweltverschmutzung durch zivile Atomenergie und durch Atomwaffenprogramme weltweit zahlreiche Krankheits- und Todesfälle, vor allem durch Krebs.

Leukämie bei Kleinkindern

Die Kette der Skandale, Vertuschungen und Unfälle in der Atomindustrie ist endlos. Der weiterhin leichtfertige Umgang mit dieser Technologie ist erschreckend. Dabei ist wissenschaftlich belegt, dass etwa Kleinkinder, die näher an deutschen Atomkraftwerken wohnen, häufiger an Krebs und an Leukämie erkranken, als Kleinkinder, die weiter von Atomkraftwerken entfernt wohnen. Die Krebsrate ist um 60% und die Leukämierate um etwa 120% erhöht.

In einem Beitrag zum 20. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl vor zwei Jahren wies die Grüne Europaabgeordnete der Grünen Hiltrud Breyer auf die Nicht-Haftung der Atomindustrie für die Folgen und Gefahren hin, die durch ihre Anlagen entstehen:

Noch immer trägt die Atomindustrie nicht die Haftung für die Gefahren, die sie verursacht. Noch immer kommt die Atomindustrie nicht für die immensen Umwelt- und Gesundheitsschäden für den laufenden Betrieb auf. Noch immer genießt die Atomenergie massive Privilegien, vom staatlichen Schutz der Castor-Transporte bis hin zu garantierten Atomstrommengen.

Frankreich hat die meisten AKWs und die meisten Störfälle

Kaum eine Woche vergeht ohne ernsthafte Störmeldungen aus europäischen AKWs. Selbst ein GAU ist möglich, doch die Haftung der AKW-Betreiber hält sich meistens in sehr überschaubaren Grenzen. Insgesamt sind in Europa noch 149 Reaktoren in Betrieb, die Mehrzahl davon in Westeuropa (9 von 10 europäischen Reaktoren befinden sich dort). Jährlich wächst der Strahlenmüll um weitere tausend Tonnen. Besonders Frankreich setzt weiterhin auf Atomkraft und produziert mit 59 Reaktoren 45 Prozent aller Atomenergie in Europa. Laut Angaben des Atomwissenschaftlers Mycle Schneider hat es in den vergangenen 20 Jahren mindestens 700 Zwischenfälle in einem einzigen Atomkraftwerk, in Cattenom gegeben.

Auch in diesem Jahr gab es in Frankreich die meisten – bekannt gewordenen – Störfälle. Einige Beispiele: Am 23. Juli wurden bei Wartungsarbeiten im Kraftwerk Tricastin etwa 100 Menschen radioaktiv kontaminiert Am 8. Juli traten in der Urananreicherungsanlage Eurodif 30 Kubikmeter radioaktive Flüssigkeit aus und gelangen teilweise in umliegende Flussläufe. Im Februar 2008 wurden in einem der vier Blöcke des AKW Paluel Fehldispositionen von Isolations-Armaturen vorgefunden, die während mehr als 5 Monaten bestanden. Ebenfalls im Februar 2008 wurde bekannt, dass die in der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague behandelten hochaktiven Substanzen laufend explosiven Wasserstoff freisetzen., der bei Reaktion mit Sauerstoff die Gebäudedichtheit bedroht.

Angesichts der Risiken wirken die in Frankreich geltenden Schadensobergrenzen in der Atomhaftung gerade zu lächerlich. Während in Deutschland und Österreich bei Atomunfällen eine nach oben hin unbegrenzte Haftung besteht, haften die französischen AKW-Betreiber lediglich bis zu einer Summe von 84 Millionen Euro.

Schrottreaktoren in Osteuropa

In der Öffentlichkeit werden aber vornehmlich die Atomanlagen in Osteuropa wegen ihrer mangelnden Sicherheit wahrgenommen. Die "Hoch-Risiko-Reaktoren" in den EU-Ländern Litauen, Tschechien, Ungarn, Slowenien und der Slowakei sind zum Teil nicht nur dem Katastrophen-Typ von Tschernobyl beängstigend ähnlich, sondern weisen auch sonst besonders bedrohliche Defizite auf.

Erst im Juni dieses Jahres wurde nach einem Zwischenfall im Kühlsystem des slowenischen Atomkraftwerks Krsko durch die EU-Kommission europaweiten Alarm ausgelöst. Im Hauptkühlsystem des Atomkraftwerks im Südwesten des Landes war Kühlflüssigkeit ausgetreten.

Das AKW Temelin an der tschechisch-österreichischen Grenze hat z.B. erhebliche Mängel bei der Qualität der eingesetzten Bauteile; das slowenische AKW liegt in einem stark erdbebengefährdeten Gebiet. In den Reaktoren vom Tschernobyl-Typ in Ignalina/Litauen sind die Störanfälligkeit und Sicherheitsmängel besonders groß. Litauen bezieht 80 Prozent seiner Energie aus Atomreaktoren.

Das Sicherheitsproblem ist ungelöst, denn mit dem EU-Beitritt mussten die Länder keinerlei Sicherheitsstandards übernehmen. Lediglich für die Atomreaktoren vom Typ Tschernobyl gibt es einen Stilllegungsplan, der ein Abschalten bis 2009 vorsieht. Litauen plant an der Grenze zu Belarus ein Atom-Endlager – ausgerechnet in der Nachbarschaft eines belarussischen Tourismusgebietes. Die Weißrussen befürchten, dass das Endlager auch von anderen EU-Ländern für ihren Atommüll genutzt werden könnte.

Haftungsobergrenze von 3 Millionen Euro

Denn sichere Endlager gibt es bisher nirgends in Europa. Auch die Haftung bei Atomunfällen ist in Europa alles andere als zufriedenstellend geregelt. Sie reicht von unbegrenzt – in Österreich und Deutschland, über 700 Mio. Euro in Spanien bis zu lediglich rund 3,3 Mio. Euro in Litauen. Aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zu den Störfällen im slowenischen Atomkraftwerk Krsko sowie im Atomkraftwerk Philippsburg (Baden-Württemberg) geht hervor, dass, die Atombetreiber in Belgien, Lettland, Rumänien und Schweden lediglich mit 330 Millionen Euro haften.

Dabei sind auch schwedische AKW keineswegs besonders sicher. Zuletzt war es am 26. Juli 2006 im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark beinahe zur Kernschmelze gekommen (Fast-GAU in Schweden). In den Niederlanden beläuft sie sich die Haftungssumme auf 313 Millionen Euro, in Tschechien auf rund 250 Millionen Euro, in Finnland auf 194 Millionen Euro. In Großbritannien, wo über 40 Jahre alte und somit weltweit die ältesten Reaktoren betrieben werden, beträgt die Haftungsobergrenze wie auch in Polen und Slowenien etwa 165 Millionen Euro. In Ungarn etwa 100 Millionen Euro. In Frankreich beträgt sie rund 84 Millionen Euro, in der Slowakei etwa 82,5 Millionen Euro, in Dänemark rund 66 Millionen Euro und in Bulgarien 16,5 Millionen Euro, in Italien 5,5 Millionen Euro und in die Litauen beläuft sie sich lediglich auf 3,3 Millionen Euro.

Auch die Bundesregierung hält die Höhe dieser Summen für "wenig befriedigend". Sie habe sich deshalb stets dafür eingesetzt, die summenmäßige Begrenzung aufzuheben oder zumindest die Höchstbeträge aufzustocken. Um in Deutschland Geschädigten unabhängig von den im Ausland festgesetzten Haftungssummen eine angemessene Entschädigung zu sichern, habe der Gesetzgeber im Atomgesetz einen Anspruch auf staatlichen Ausgleich bis zu 2,5 Milliarden Euro geschaffen.

Statt also über eine Verlängerung der Laufzeiten zu diskutieren, sollten erst einmal endlich die Atomkraftbetreiber in Europa – und besser noch weltweit - zur unbeschränkten Haftung für die möglichen Folgen von "kleinen" und großen Atomunfällen verpflichtet werden. Eines lässt hoffen, seit Jahren muss man auf den Internetseiten der Betreiber deutscher Atomkraftwerke - E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall Informationen über ihre Atomkraftwerke gezielt suchen. Offensichtlich werden die Atomkraftwerke für diese Betreiberkonzerne als nicht mehr werbewirksam betrachtet.
Quelle:
TELEPOLIS

Sonntag, 10. August 2008

Video: Die Lüge vom billigen Atomstrom /29.07.08

Dieses Video ist bei YouTube online gestellt worden.


Ein TV-Beitrag des ZDF FRONTAL21 vom 29.07.08, 8:44min.
Bericht: Steffen Judzikowksi und Christian Rohde.


Atomstrom sei billig, behaupten die Befürworter von Atomstrom - und lassen dabei milliardenschwere Nebenkosten unberücksichtigt. Die werden auf die Allgemeinheit abgewälzt. Zum Beispiel beim Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben (ERAM) in Sachsen-Anhalt. Die Kosten für den Gesamtverschluss des ehemaligen Salzbergwerks betragen nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) mindestens 2,2 Milliarden Euro. Diese Ausgaben übernimmt der Staat.

Die Energieversorger selbst hätten im Vergleich dazu nur einen sehr geringen Beitrag für die Entsorgung ihres Atommülls gezahlt, stellt der Präsident des BfS, Wolfram König, gegenüber Frontal21 fest.

Von Beginn der Einlagerung 1971 - zu DDR-Zeiten - bis 1991 wurden in dem Lager rund 14.400 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle entsorgt. Dagegen wurden nach der Wiedervereinigung in einer zweiten Einlagerungsphase von 1994 bis 1998 rund 22.300 Kubikmeter Abfälle eingelagert, unter anderem Atommüll aus westdeutschen Kernkraftwerken.

Zur Internetseite des ZDF: Die Lüge vom billigen Atomstrom. Den Beitrag beim ZDF anschauen

Video: Notstand beim Atommüll /08.07.08

Dieses Video ist bei YouTube online gestellt worden.



Ein TV-Beitrag des ZDF FRONTAL21 vom 08.07.08, 8:10min.
Bericht: Andreas Halbach, Christian Rohde und Kersten Schüßler.

Der Klimawandel und der rasche Preisanstieg bei Öl, Gas und Strom haben die Diskussion um den Nutzen von Atomenergie in Deutschland wieder entfacht. Dabei kommt das bisher ungelöste Problem der Endlagerung radioaktiven Abfalls kaum zur Sprache - obwohl Deutschlands Vorzeigeendlager, Asse II, gerade abzusaufen droht.

Eine Million Jahre sollte es halten. Gerade mal etwas über 40 Jahre war Asse II, als das deutsche Versuchslabor für künftige atomare Endlager in Salzstöcken vorzeigbar. Das ehemalige Salzbergwerk im Landkreis Wolfenbüttel bei Braunschweig galt als trocken und vor allem sicher. Bis vor kurzem eine Reihe von Pannen und Lecks bekannt wurden, die es offenbar schon viel länger gab. Doch hatte es der Betreiber, das Helmholtz Zentrum München, versäumt, die Öffentlichkeit rechtzeitig darüber zu informieren.

Seit Jahren schon läuft in die Grube von außen Wasser, bis zu 12.000 Liter täglich. Die Gefahr ist groß, sagen Experten, dass die Salzlauge mit atomaren Abfällen in Berührung kommen und so radioaktiv verseuchte Brühe in die Biosphäre gelangen könnte. Das Problem ist den Betreibern der Grube bereits seit 1988 bekannt, doch erst 2002 erklärte das Helmholtz Zentrum München plötzlich: Das Absaufen des Bergwerks sei unvermeidbar. Bis maximal 2014 könne es noch offen bleiben.

Dr. Hans-Helge Jürgens hatte bereits 1978 in einem Gutachten vor der Gefahr des Eindringens von Grundwasser und folglich dem Absaufen der Schachtanlage gewarnt und deshalb dringend von der Einlagerung schwach- und mittelradioaktiven Atommülls abgeraten.
Zur Internetseite des ZDF: Notstand beim Atommüll. Den Beitrag beim ZDF anschauen

Gorleben kostete bislang rund 1,51 Milliarden Euro /08.08.08

Wirtschaft und Technologie/Antwort

Berlin: (hib/VOM) Für das atomare Endlagerprojekt Gorleben (Niedersachsen) sind von 1977 bis Ende 2007 Kosten in Höhe von 1,51 Milliarden Euro entstanden.

Dies teilt die Bundesregierung in ihrer Antwort (16/10077) auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion (16/9935) mit. Im laufenden Haushaltsjahr seien 27,6 Millionen Euro für das Projekt Gorleben veranschlagt. Die künftigen Kosten hingen vor allem von einer politischen Grundsatzentscheidung zum weiteren Vorgehen bei der Endlagerung hochaktiver, wärmeentwickelnder Abfälle aus Kernkraftwerken ab, so die Regierung. Nach dem Atomgesetz würden die Kosten von den Abfallverursachern in voller Höhe refinanziert. Der Anteil, der von den Einrichtungen der öffentlichen Hand für das Projekt in Gorleben gezahlt werden müsse, beträgt laut Regierung 11,52 Prozent. Ende 2007 sei der tatsächliche Anteil etwas höher gewesen, was mit den Zahlungs- und Abrechnungsmodalitäten zusammenhänge.

Die Kosten, die für das Endlager Morsleben (Sachsen-Anhalt) bis Ende vergangenen Jahres entstanden sind, gibt die Regierung mit 646 Millionen Euro an. Für dieses Jahr seien 61,7 Millionen Euro dafür vorgesehen. Die Gesamtprojektkosten würden auf etwa 2,2 Milliarden Euro geschätzt. Die Kosten der öffentlichen Hand für Rückbau und Endlagerung für die Versuchswiederaufbereitungsanlage Karlsruhe beziffert die Regierung zum Jahresende 2007 mit 571,22 Millionen Euro. Der Mittelansatz für 2008 liege bei 59,43 Millionen Euro. Nach derzeitigem Stand würden die künftigen Kosten mit 920 Millionen Euro veranschlagt. Für das Forschungsbergwerk Asse II (Niedersachsen) hätten sich Kosten der öffentlichen Hand bis Ende 2007 auf 257 Millionen Euro belaufen, wie aus der Antwort weiter hervorgeht. Der Mittelansatz für dieses Jahr liege bei 57 Millionen, die künftigen Kosten würden auf 536 Millionen Euro geschätzt.

2,18 Milliarden Euro haben nach Regierungsangaben die öffentlichen Kosten für den Bau und die Abwicklung des Schnellen Brüters in Kalkar (Nordrhein-Westfalen) betragen. Die Ausgaben für das bis 1995 vollständig rückgebaute Kernkraftwerk in Niederaichbach (Bayern) sowie für die Entsorgung beziffert die Regierung auf 134,5 Millionen Euro. Auf rund 1,78 Milliarden Euro hätten sich die Kosten der öffentlichen Hand für das Kernkraftwerk Hamm-Uentrop (Nordrhein-Westfalen) bis Ende 2007 belaufen. Der Mittelansatz für dieses Jahr liege bei rund 5,78 Millionen Euro, für 2009 bei 6 Millionen Euro. Die zukünftigen Kosten seien hier noch nicht bekannt.

Nach Darstellung der Regierung haben die Energiewerke Nord GmbH (Mecklenburg-Vorpommern) keine Rückstellungen für ihre atomrechtlichen Verpflichtungen bilden können. Daher sei dem Unternehmen, das verantwortlich ist für den Rückbau der ostdeutschen Kernkraftwerke Greifswalde und Rheinsberg, von der Treuhandanstalt eine Finanzierungszusage gegeben worden. Bis Ende 2007 hätten die Energiewerke Nord im Rahmen dieser Zusage rund 2,5 Milliarden Euro erhalten, um ihre atomrechtlichen Verpflichtungen zu erfüllen. In diesem Jahr seien dafür Zuwendungen von 111 Millionen Euro bewilligt worden. Für die Zeit ab 2009 würden nach derzeitiger Einschätzung noch Zuwendungen aus dem Bundeshaushalt von rund 600 Millionen Euro benötigt, heißt es in der Antwort weiter.
Quelle: Deutscher Bundestag

Entsorgungskommission hält Salzstock in Asse für falschen Atommüll-Lagerort /07.08.08

Deutschlandradio Kultur im Interview
Michael Sailer: Auch in Gorleben wurde jahrelang vor sich hingewurstelt

Michael Sailer im Gespräch mit Marcus Pindur

Der Vorsitzender der Entsorgungskommission und Berater des Bundesumweltministeriums, Michael Sailer, hat eingeräumt, dass es für die Probleme im Atommülllager Asse bei Wolfenbüttel bisher keine überzeugenden Lösungen gibt. Das frühere Bergwerk sei "sicher der falsche Ort für Atommüll", sagte Sailer.

Marcus Pindur: Je höher die Energiepreise steigen, desto heftiger wird die Debatte um die Verlängerung der Laufzeiten für Kernkraftwerke in Deutschland geführt. Die Gegner weisen allerdings immer wieder darauf hin, dass eines der größten Probleme die nicht gelöste Frage der Endlagerung von Atommüll sei. Aufgeschreckt wurden wir dann auch noch über die Meldung über Wassereinbrüche im Atommülllager Asse II bei Wolfenbüttel, wo bis 1978 gering bis mittel verstrahlter Atommüll gelagert wurde. Und wir sprechen jetzt mit Michael Sailer. Er ist Vorsitzender der Entsorgungskommission des Bundesumweltministeriums. Guten Morgen, Herr Sailer!

Michael Sailer: Ja, guten Morgen!

Pindur: Lassen Sie uns zunächst mal bei Asse II bleiben, was ist denn dort das Problem? Wir hören, dass dort Wasser eindringt.

Sailer: Das Hauptproblem sind zwei Dinge. Die Asse war ja früher ein Kali- und Steinsalzbergwerk. Wir haben sehr große Räume, viele Millionen Kubikmeter ausgehöhlt dort. Und deswegen ist das Bergwerk in sich instabil. Und das hängt wahrscheinlich damit zusammen mit dem zweiten großen Problem, dass seit 1988 permanent Wasser von außerhalb des Salzstocks in den Salzstock kommt. Zurzeit sind es etwa zwölf Kubikmeter pro Tag.

Pindur: Es ist davon die Rede, dass die Betreiberfirma das Bergwerk fluten will und die Lagerstätten mit sogenannten Betonpfropfen verschließen. Ist das ein gangbarer Weg?

Sailer: Das ist eine der Fragen, die die Entsorgungskommission jetzt dieses Jahr prüfen soll. Insofern kann ich Ihnen da natürlich keine abschließende Antwort geben. Die Fragen, die sich eben aus der Öffentlichkeit und aus der Fachwelt stellen, sind eigentlich, kann man wirklich mit Flüssigkeit verfüllen, auf der anderen Seite, wie kann ich das Bergwerk so stabilisieren, dass das Mit-dem-Wasser-Eindringen-von-Außerhalb nicht noch schlimmer wird, denn das könnte auch zu einer katastrophalen Situation führen, wenn sich das vergrößert. Man sitzt also unter Zeitdruck und hat bisher keine Lösungen, die alle überzeugen. Nur man weiß, man muss was machen, weil wenn man nichts macht, kommt es auch zu einer schlimmen Situation.

Pindur: Noch zur Erklärung für unsere Hörer: Die Entsorgungskommission wird vom Bundesumweltministerium berufen, ist aber nicht weisungsgebunden, ein Expertengremium. Auch in Gorleben hat man ja einen Salzstock. Wäre denn Ihrer Ansicht nach Gorleben als deutsches Atommüll-Endlager ein sicheres Lager?

Sailer: Wir haben ja in Norddeutschland eine ganze Reihe von Salzstöcken, nicht nur Gorleben. Und eine der Grundregeln, die man unter Fachleuten hat, ist, dass man ein Endlager im Salzstock nur dann einrichten kann, wenn in dem Salzstock noch nie Bergbau stattgefunden hat.

Eine zweite Grundregel ist, dass man ihn so gut kennt, dass man ausschließen kann, dass Wegsamkeiten für Wasser von außerhalb des Salzstocks in die Kammern, wo dann der Atommüll gelagert wird, reinkommen. Und das muss man in Gorleben prüfen. Das kann und sollte man auch in anderen Salzstöcken prüfen. Aber ein Salzstock wie Asse, in dem ein Bergwerk über viele Jahrzehnte in Betrieb war, ist sicher der falsche Ort für Atommüll.

Pindur: Man prüft in Gorleben jetzt schon seit 30 Jahren. Wann kommt denn das Verfahren mal an ein Ende?

Sailer: Also in Gorleben ist ja, wenn man so sagen will, vor sich hingewurstelt worden. Man hat gewisse Untersuchungspläne gemacht, man hat aber nie politisch ein stabiles Verfahren vereinbart, also zu welchem Zeitpunkt welche Ergebnisse vorliegen sollen, wie die Prüfung stattfinden soll, nach welchem Kriterium wird jetzt festgestellt, ob der Salzstock geeignet ist oder nicht.

Und das sind eben Versäumnisse, die über die 30 Jahre dazu geführt haben, dass wir dort sind, wo wir heute sind, und wir auch vor der Frage stehen, sollen wir Gorleben noch mit anderen Salzstöcken oder anderen Tonsteinformationen vergleichen. Das will ja die eine Regierungspartei, oder die andere Regierungspartei sagt, lass uns bei Gorleben weitermachen, ohne dass dafür bisher belastbare Dokumente zur Verfügung stehen.

Pindur: Kann man denn Ihrer Ansicht nach stark strahlendes, radioaktives Material überhaupt auf Dauer sicher lagern unterirdisch?

Sailer: Es ist die einzige Möglichkeit, die wir haben. Man muss sich nur vorstellen, wenn man stark strahlendes Material über eine Million Jahre oberirdisch lagert, dann wird es garantiert freigesetzt. Unterirdisch, in einer guten Formation, an einer guten Stelle und technisch gut gemacht, haben wir durchaus eine Chance, dass das eine Million Jahre zurückgehalten wird.

Pindur: Vielen Dank für das Gespräch, Michael Sailer, Vorsitzender der Entsorgungskommission des Bundesumweltministeriums.

Das Gespräch als
MP3 Entsorgungskommission hält Salzstock in Asse für falschen Atommüll-Lagerort
Sendezeit: 07.08.2008 07:52
Audiobeitrag Länge: 5:15 min
Quelle:
Deutschlandradio