von Lars Lange 23.11.2007
"Schmutziger" Strom wird in Deutschland massenhaft zu Ökostrom umetikettiert. Der Schwindel hat einen Namen: RECS-Zertifikate
Vier Stromkonzerne teilen sich im Wesentlichen den lukrativen Strommarkt in Deutschland auf: Eon, EnBW, RWE und Vattenfall. Und sie investieren kräftig in schmutzigen Strom, über 40 neue Kohlekraftwerke sind geplant. Auch an der risikoreichen Kernenergie wollen die Vier gerne festhalten. Viele Menschen wollen das nicht länger hinnehmen und wechseln zu einem vermeintlichen "Ökostrom"-Tarif. Und sparen dabei scheinbar zum Teil noch richtig Geld, wie die Verbraucherzentralen betonen.
TelDaFax Energy, stromistbillig oder Flexstrom liegen mit ihren Öko-Angeboten preislich deutlich unter den Tarifen der örtlichen Versorger. Prima, denkt sich Angela Erbsenstrauch und wechselt zu einem anderen Stromanbieter mit einem solchen Öko-Angebot mit einem RECS-Zertifikat. Verglichen mit ihrem bisherigen "Schmutzstrom"-Tarif spart sie einen Euro monatlich Doch ist ihr Strom dann wirklich Öko?
Nein, er ist es nicht. Frau Erbsenstrauch bekommt weiterhin physisch Atom- und Kohlestrom geliefert. Trotzdem darf der Stromanbieter ihren gelbbraunen Strom "Öko" nennen. Möglich macht dies ein System zur Umetikettierung und Verschleierung der Stromherkunft, genannt RECS (Renewable Energy Certificate System).
Um den Schwindel zu verstehen, schauen wir uns kurz den Stromhandel der echten Ökostromer an: Drei unabhängige Ökostromanbieter verzichten in Deutschland ganz bewusst auf RECS: EWS Schönau, Greenpeace energy und Naturstrom. Wie alle Stromanbieter müssen sie Anfang des Jahres die an ihre Kunden voraussichtlich verkaufte Strommenge als "Netznutzungsstrom" vorhalten, d.h. der Stromanbieter muss nachweisen können, dass er seine Kunden über das Jahr wirklich beliefern kann. Ende des Jahres rechnet der Stromanbieter mit den Kraftwerksbetreibern die tatsächlich verbrauchte Strommenge ab. Dieser Netznutzungsstrom ist die tatsächlich zeitlich zum Lastprofil des Kunden physisch eingespeiste Strommenge.
Diese seriösen Ökostromanbieter, die ausdrücklich keine RECS-Zertifikate verwenden, beliefern ihre Kunden mit echtem Ökostrom: Sie kaufen hauptsächlich Wasserbänder (aber auch Biomasse-, Solar- und Windstrom) ein, die sie an ihre Kunden weiter verkaufen. Kohle- und Atomkraftwerke bekommen so keinen einzigen Cent mehr für die Herstellung des "Schmutzstromes", der Wechsel zu einem seriösen Ökostromer kommt so einem Boykott gleich, das Geld für den Stromeinkauf kommt direkt den Betreibern von Öko-Kraftwerken zugute.
Dieser Stromeinkauf macht knapp ein Drittel des Endpreises von rund 20 Cent pro Kilowattstunde aus. Etwa 6 Cent kostet der Stromeinkauf den Stromanbieter. Ein weiteres Drittel des Strompreises geht für Netznutzungsgebühren drauf, das letzte Drittel setzt sich zusammen aus EEG, KWK, Konzessionsabgaben, Stromsteuer und Umsatzsteuer. Alle seriösen Anbieter achten zudem darauf, dass sie ihren Strom aus Neuanlagen erhalten und/oder Neuanlagen mit einem definierten Betrag pro Kilowattstunde fördern.
Das RECS-System
Das RECS-Zertifizierungssystem funktioniert anders. Hier wird der Strom in zwei Produkte zerteilt: in den tatsächlich physisch hergestellten Strom und in einen virtuellen Strom in Form von RECS-Zertifikaten. Es findet eine Vertauschung der Etiketten statt. Der Kohle- und Atomstrom wird zu Ökostrom, der Ökostrom zu Atom- und Kohlestrom. Dabei bekommt der Kunde, der eigentlich Ökostrom kaufen möchte, Atom- und Kohlestrom untergeschoben.
Konkret: Ein umweltfreundlicher Energieerzeuger, beispielsweise ein Wasserkraftwerk, kann sich bei dem RECS-System registrieren lassen. RECS nimmt den Erzeuger in seine Datenbank auf. Ab der Registrierung wird für jede erzeugte Mw/h Strom ein RECS-Zertifikat ausgestellt und in der Datenbank abrufbereit gehalten. Das Zertifikat steht dem Stromhandel jetzt zur Verfügung.
Nun hat ein Stromhändler die Möglichkeit, "Ökostrom" durch einen einfachen Trick anzubieten, ohne wirklich Ökostrom anzukaufen: Er kauft äußerst preiswert die Menge RECS-Zertifikate ein, die dem Stromverbrauch seines belieferten Öko-Kunden entspricht. Er beklebt seinen an den Öko-Kunden gelieferten "Schmutzstrom" einfach mit der entsprechenden Menge RECS-Zertifikaten. Sein Stromankauf bleibt jedoch identisch: Es bleibt Atom- und Kohlestrom, aber er darf den Strom nun zu Ökostrom umetikettieren, in unserem Beispiel zu 100 % Wasserkraft.
Der umweltfreundliche Energieerzeuger, das Wasserkraftwerk, muss, wenn das RECS-Zertifikat verkauft wurde, seinen physisch hergestellten Strom in der gleichen Menge ebenfalls umetikettieren, wie er RECS-Zertifikate verkauft hat. Dies wird nach der so genannten UTCE-Norm durchgeführt, der Durchschnittswert der europäischen Stromproduktion. Das ist vorwiegend Atom- und Kohlestrom.Der Wasserkraft-Strom ist dabei zu Atom- und Kohlestrom umetikettiert worden und wird auch nach dieser jetzt neu gekennzeichneten Qualität vergütet. Damit sind die Etiketten sind vertauscht, der Öko-Kunde bekommt "Schmutzstrom" untergeschoben.
Die Stadtwerke Kassel sind so verfahren. Die Privatkunden denken, dass sie Ökostrom erhalten und diesen auch bezahlen. Tatsache ist aber: Die Stadtwerke Kassel liefern ihren Kunden weiterhin "Schmutzstrom" und kaufen die entsprechende Menge RECS-Zertifikate, die nichts weiter belegen, als dass irgendwo in Europa die gleiche Menge Ökostrom hergestellt wurde, wie die von den Stadtwerken für ihre Kunden eingekaufte "Schmutzstrom"-Menge.
Deutlich wird das Umetikettieren im Vergleich mit dem Eierkauf. Ich bin als Kunde überzeugt, dass Käfighaltung von Hennen verabscheuungswürdig ist und will Bio-Eier kaufen. Im Laden bekomme ich Eier, die, wie ich erst später erfahre, RECS-zertifiziet sind (Renewable Egg Certificate System), es steht aber Bio drauf, mehr Informationen bekomme ich nicht. Zu Hause erfahre ich, dass ich statt Bio-Eier in Wirklichkeit Käfigeier gekauft habe, deren Etikett mit echten Bioeiern vertauscht wurde. Denn das RECS-Symbol auf der Packung besagt nur, dass irgendwo in Europa die gleiche Menge Bio-Eier erzeugt worden sind, wie ich Käfigeier gekauft habe. Fast mein ganzes Geld habe ich weiterhin an das System der Käfighaltung gezahlt, nur ein Bruchteil meines Geldes geht an den Bioeier-Produzenten.
Jeder normale Kunde würde jetzt zur Filialleitung des Lebensmittelladens gehen und dieser die Eier um die Ohren hauen. Trotzdem dürfen sich RECS-zertifizierte Produkte Ökostrom nennen, denn der Begriff "Ökostrom" ist nicht definiert, jeder darf ihn verwenden, einheitliche Standards gibt es nicht. Nur das Grüne Strom Label erlaubt kein RECS.
Wohin geht das Geld?
Bei RECS-Zertifikaten erhält der Betreiber der mit RECS zertifizierten Anlage lediglich den minimalen Mehrbetrag, der aus dem Verkauf der Zertifikate erzielt wird. Nur 0,1 bis maximal 0,25 Cent landen bei Erneuerbaren Energien, ca. 6 Cent landen beim Atom- und Kohlehändler (Rest des Strompreises ist Netznutzungsgebühr, Steuern etc., wie oben beschrieben). Das Verhältnis beträgt also bestenfalls 1:24. Ein Teil des Geldes, das der Kunde für "Ökostrom" an seinen Anbieter überweist, geht an regenerative Energiequellen, 24 Teile des Geldes gehen an Atom- und Kohlehändler. Bei einem durchaus gängigen Preis von nur 0,1 Cent pro Kilowattstunde sieht das Verhältnis noch schlechter aus, hier ist es nur 1: 60. Die RECS-Zertifizierung ist eine äußerst preiswerte Methode, Strom grün einzufärben.
RECS ist dementsprechend auch das bevorzugte System zur "Förderung" Erneuerbarer Energien der großen vier Konzerne auf dem deutschen Strommarkt, weil es an den Verkauf der Altenergien gekoppelt ist und sie diese länger laufen lassen können. Erster Vorsitzender und Stellvertreter von RECS Deutschland e.V. sind Vertreter von Vattenfall und E.ON. Gründungsmitglieder von RECS Deutschland e.V. ist die Speerspitze der Deutschen Umweltbewegung: die Electrabel Deutschland AG, Energiedienst AG, E.ON Energie AG, EWE NaturWatt GmbH, HEW AG, RWE Trading GmbH, TÜV Nord Umweltschutz GmbH & Co. KG, TÜV Rheinland/Berlin/Brandenburg GmbH, TÜV Süddeutschland Bau und Betrieb GmbH, Vattenfall Europe Trading GmbH.
RECS lohnt sich natürlich nicht für den Großteil neuer Energie-Anlagen, die in Deutschland durch das EEG gefördert werden. Ausnahmen: sehr große Biomassekraftwerke und Wasserkraftwerke, die nicht durch das EEG gefördert werden. In Großbritannien wird ein Zertifikatesystem statt eines Erneuerbaren Energien Gesetzes zur Förderung von Regenerativen Energien genutzt. Ergebnis: Fast null Zubau bei den Erneuerbaren. Lobbyistenverbände der Altenergien versuchen seit einiger Zeit, das EEG in Brüssel zu Fall zu bringen, um es durch ein Zertifikatesystem zu ersetzten - weil der Zubau von modernen Energieerzeugungsanlagen so auch in Deutschland stoppen würde. In der Werbebroschüre von RECS Schweiz lesen wir über diese Vorzüge des Systems: "weil RECS eine einfache Ergänzung des Angebotsportfolios ohne Zubau erlaubt."
Wer RECS zertifizierten Strom bezieht, fördert damit den Erhalt von Atom- und Kohlekraftwerken und verhindert die Energiewende. Verbraucher, die das nicht unterstützen, sollten deshalb darauf achten, Energieversorger zu wählen, die bewusst auf den Schwindel verzichten. Wenn (hypothetisch) 100% der Deutschen mit RECS-Strom beliefert werden sollten, dann müsste der Kohle- und Atomkraftwerkspark sogar noch ausgebaut werden, um genügend "schmutzigen" Strom zu haben, der sauber gewaschen werden kann!
Die Stadtwerke Flensburg, die ursprünglich in diesem Artikel als Beispiel genannt wurden, hatten uns eine Mail geschrieben und versichert, dass sie ihren Öko-Strom nicht mit RECS-Zertifikaten versehen würden. Der Strom der Stadtwerke Flensburg sei, so hieß es und so hatten wir es übernommen, "nach dem ok-Power Label und dem TÜV-Umweltschutz-Zertifikat ausgezeichnet und nicht RECS-zertifiziert". Allerdings scheint dies nicht richtig zu sein. Die Stadtwerke Flensburg bieten offenbar doch Öko-Strom mit einem RECS-Zertifikat an, wie das auch von Verivox dargestellt wird. Das ok-Power-Label würde dies auch erlauben.
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26671/1.html
Dienstag, 27. November 2007
Die Ökostrom-Lüge /23.11.07
Dienstag, 20. November 2007
Aktionstag 8. Dez. 2007 Klimaschutz jetzt
Die Zeit ist reifKlimawandel geht uns alle an! Überschwemmungen, Dürreperioden und Krankheiten gefährden Millionen von Menschen, vor allem in den Entwicklungsländern.Wir müssen Druck machen, damit die Politik jetzt konsequent handelt.
Wenn auch Sie es satt haben,dass der Klimawandel die Armen noch ärmer macht,dass die Politiker von Klimaschutz reden, aber nur halbherzig handeln, dass in Deutschland über 25 neue Kohlekraftwerke geplant werden, dass die Regierung vor den Automobil- und Energiekonzernen einknickt, dann demonstrieren Sie mit uns für einen Aufbruch in der Klimapolitik! Hunderttausende Menschen gehen am 8. Dezember weltweit auf die Straße. In Deutschland setzen wir das Startsignal für eine neue Klimaschutzbewegung.
Machen Sie bei den Demonstrationen mit!
Wann:
Samstag, 8. Dezember 2007
Wo:
Berlin Brandenburger Tor
Braunkohlekraftwerk Neurath (bei Düsseldorf)
WERDEN SIE SCHON JETZT AKTIV!Reihen Sie sich ein in die Online-Menschenkette rund um den Bauplatz des Kohlekraftwerks Neurath. Zur Menschenkette ....
Kommen Sie daher am Globalen Klimaaktionsstag nach Berlin oder Neurath und demonstrieren Sie gemeinsam mit uns für eine konsequente Energie- und Verkehrspolitik in Deutschland.
http://www.greenpeace.de/themen/klima/nachrichten/artikel/bitte_vormerken_weltweiter_klima_aktionstag_am_8_dezember/
Freitag, 16. November 2007
Rätselhafter Rohrbombenfund in AKW / 06.11.07
Der Rohrbombenfund im AKW Palo Verde warf ein kurzes Schlaglicht auf die Tatsache, dass Umweltschutz mehr ist, als bloße CO2-Vermeidung. Dass es Emissionen gibt, die wesentlich gefährlicher und lebensbedrohlicher sind als das Klimagas. Im größten Atomkraftwerk der USA hatten Sicherheitskräfte einen selbstgebauten Sprengsatz entdeckt. Das AKW westlich von Phoenix liefert Strom an rund vier Millionen Kunden in Arizona, New Mexico, Texas und Kalifornien. Das Kraftwerk wurde abgeriegelt, der Betrieb lief aber weiter. Der Sprengsatz, eine Rohrbombe, lag offen auf der Ladefläche des Pickups eines ahnungslosen Mitarbeiters, der damit auf das Gelände gefahren war.Die Aktion zeigt, wie leicht ein echter Sprengsatz auf das Gelände hätte gelangen können. Alarmierend zwar für Kernkraftskeptiker, für US-Regierungsvertreter wohl eher eine willkommene Bestätigung, denn die Apologeten einer ständigen Terrorgefahr und ihre Nachahmer in Deutschland warnen immer wieder vor möglichen Anschlägen auf neuralgische technische Anlagen. Die Aktion ruft kurzzeitig wieder ins Gedächtnis, dass Atomkraft, wie jede andere Technik auch, nie ganz sicher sein kann. Nur eben mit dem Unterschied, dass radioaktive Partikel sehr lange äußerst giftig bleiben und während des Betriebs, der Aufbereitung und der vieltausendjährigen Verfallszeit keine strahlenden Partikel freigesetzt werden dürfen. Eine Anforderung, die keine Technik erfüllen kann.
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26554/1.html
Audiobeitraghttp://www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio8516.html
Dienstag, 30. Oktober 2007
BMU Gabriel kommt am 2.Nov 07 nach Gorleben
Gorleben-NewsletterHerausgeber / verantwortlich: Redaktion "Castor-Nix-Da"
Email: Newsletter@castor.de
Website: www.castor.de
Am Freitag den 2. November besucht Bundesumweltminister Sigmar Gabriel den Landkreis Lüchow-Dannenberg. Um 11.00 Uhr wird er das Erkundungsbergwerk Gorleben aufsuchen. Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg e.V. hat für den Besuch in Gorleben angekündigt, dass sie vor Ort sein wird. Am Nachmittag um 15.00 Uhr nimmt der Minister an der öffentlichen Sitzung des Kreisatomausschusses teil. Gabriel will sich dort über die Endlagerfrage informieren.
Weitere Infos unter:
http://www.castor.de/aktionen/2007/gabriel.html
Umweltminister führt Endlager-Debatte auf der Straße - Ein «Jein» zur Eignung des SalzstocksVon Jürgen Voges
Gabriel stellt sich den Demonstranten in Gorleben. «Gorleben - so sicher wie die absaufenden und einstürzenden Endlager Asse und Morsleben» stand auf dem gelben Transparent, mit dem Sigmar Gabriel am Freitag beim ersten Besuch als Bundesumweltminister in Gorleben empfangen wurde. Der Debatte mit den 50 Demonstranten, die sich am Gorlebener Erkundungsbergwerk versammelt hatten, wich der SPD-Politiker keineswegs aus. Auf ein Nein zur Atommüllendlagerung im Salz wollte er sich aber trotz der schlechten Erfahrungen mit den Endlagern Asse und Morsleben nicht festlegen.
«Ihnen brennt Gorleben unter den Nägeln - mir auch», versicherte der Umweltminister den Protestierenden. Aber «wir müssen mit den radioaktiven Abfällen auch irgendwo hin», fügte er hinzu. Gorleben sei als Standort für ein atomares Endlager ausgewählt worden, «bevor die Kriterien für ein Endlager entwickelt waren», meinte er. Das sei für ihn der «Kern der Kritik». Nach Auffassung des Umweltministers könnte ein Endlager im Salzstock Gorleben an dieser Auswahl ohne Kriterien eines Tages vor den Verwaltungsgerichten scheitern. Gabriel beharrt daher darauf - wie schon sein Amtsvorgänger Jürgen Trittin - den Salzstock in einem neuen Auswahlverfahren zunächst mit anderen potenziellen Endlagerstandorten zu vergleichen.
Spätestens Anfang des kommenden Jahres werde das Bundesumweltministerium Sicherheitsanforderungen an denkbare Endlagerstandorte veröffentlichen, sagte der SPD-Politiker auf dem Gelände des Endlagerbergwerks. Bei dem Standortvergleich, der sich anschließen soll, will Gabriel auf das Konzept für ein Auswahlverfahren zurückgreifen, das schon sein Amtsvorgänger erarbeiten ließ. Allerdings konnte schon Trittin das von ihm mehrfach angekündigte Endlagersuchgesetz in der rot-grünen Koalition wegen Widerstandes des Wirtschaftsressorts nicht durchsetzen.
Gabriel steht vor ähnlichen Problemen. Für seine Endlagerpläne gebe es «in der Berliner Koalition zwar auch Verständnis», sagte er. Die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg, in den potenzielle Alternativstandorte zu Gorleben liegen, weigerten sich aber «auch nur einem Millimeter auf diesem Weg mitzugehen». Für Gabriel ist diese Weigerung «abstrus, weil es auch die Länder sind, die den Ausbau der Kernenergie befürworten».
Zur Eignung des Salzstockes Gorleben zum Endlager für hochradioaktive Abfälle wollte sich Gabriel vor Ort nicht eindeutig äußern. Seiner Meinung nach ist die Eignung bei den geologischen Untersuchungen weder eindeutig widerlegt noch ausschließlich bestätigt worden. Allerdings könne man ein Endlager mit mehreren geologischen Barrieren in Gorleben nicht verwirklichen, meinte der Umweltminister. Über dem Salzstock befindet sich eine von eiszeitliche Gletschern geschaffene Rinne voller Geröll anstatt durchgängiger Gesteinschichten. Man könne eben «nicht mit Sicherheit sagen kann», dass Gorleben der geeignete Standort sei, meinte Gabriel.
Vor seinem Besuch des Bergwerkgeländes sprach der Umweltminister mit Vertretern der Rechtshilfe Gorleben und dem Grundbesitzer Andreas Graf Bernstorff, dem die Abbaurechte für große Teile des Gorlebener Salzes gehören. Später stand er auch noch im Atomausschuss des Kreistages von Lüchow-Dannenberg Rede und Antwort.
Bernstorff und den Anwälten von der Rechtshilfe sagte er zu, im Herbst 2008 ein internationales Hearing zur Atommüllendlagerung zu veranstalten. Man werde vor allem internationale Wissenschaftler einladen, weil sich die deutschen Experten zumeist bereits in der einen oder anderen Weise festgelegt hätten, meinte Gabriel. Das Hearing werde nicht in der Region Gorleben stattfinden, weil es kein «Gorleben-Hearing», sondern ein «Endlager-Hearing» werden solle. Rechtsanwalt Nikolaus Piontek sieht dennoch das schon 1979 in Hannover von der niedersächsischen Landesregierung veranstaltete Gorleben-Hearing als Vorbild für den zugesagten Wissenschaftler-Kongress. 1979 hätten zwei von der Landesregierung unabhängige Experten die Veranstaltung in Hannover vorbreitet, sagte Piontek. Das müsse bei Gabriels Endlager-Hearing 2008 wieder so geschehen.
Bei der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg konnte der Umweltminister mit seinem verspäteten Antrittsbesuch in Gorleben keine Punkte machen. «Der Umweltminister versteckt sich immer hinter seinem Berliner Koalitionspartner», kritisierte der Sprecher der BI, Francis Althoff. Seine Haltung zum Endlagerprojekt Gorleben sei schwammig und ausweichend.
http://www.pr-inside.com/de/gabriel-stellt-sich-den-demonstranten-in-r280664.htm
Montag, 29. Oktober 2007
Gedenken an Sébastien Briat
Vor 3 Jahren, am 7. November 2004, kam der französische Atomkraftgegner Sébastien Briat bei einer Protestaktion gegen den Castortransport nach Gorleben ums leben.Sébastien wurde im französischen Lothringen vom Castorzug erfasst und getötet. Er gehörte zu einer Gruppe von erfahrenen AktivistInnen. Gemeinsam wollten sie den Castorzug für ein paar Stunden aufhalten, indem 4 Menschen sich an den Schienen festketteten - wie es eine andere Gruppe am Vormittag schon getan hatte.
Was am 7. November 2004 in Avricourt wirklich geschah, wurde nie völlig geklärt. Von Seiten der Justiz, wurden kaum ernsthafte Ermittlungen geführt. Fest steht, dass Sébastien nicht angekettet, sondern im Begriff, die Gleise zu verlassen war, als er vom Zug erfasst wurde. Mitverantwortlich für den Unfall war zweifelsohne die zu hohe Geschwindigkeit des Zuges, der 99 km/h fuhr, obwohl der sonst vorausfliegende Hubschrauber abgedreht hatte, um zu tanken. Unter diesen Bedingungen ist eigentlich „vorsichtige Fahrt“ (40 km/h) vorgeschrieben. Auf diese Situation reagierte die Gruppe zu spät. „Atomkraft hat ihn getötet. Die Atomlobby nimmt seit Jahren den Tod von Menschen in Kauf, um Geschäfte zu machen“, meinte damals eine französische Atomkraftgegnerin, die sich wenige Stunden vor dem Unfall selbst angekettet hatte. „Sein Tod hat uns alle sehr schwer getroffen. Sébastien war ein ausgesprochen lebenslustiger, lebendiger Mensch, er hat um das Leben gekämpft und diese Botschaft darf nicht vergessen werden. Seine MitstreiterInnen betonen immer wieder, dass der Kampf weiter gehen muss.“
Mahnwache und Versammlungen in Gedenken an Sébatien in zahlreichen Städten sind willkommen. In Frankreich werden auf jeden Fall einige statt finden. Aktionen gegen die Atomindustrie sind auch wichtig, der Kampf geht weiter: in Frankreich wird vor allem gegen die Neubaupolitik der Regierung demonstriert (EPR-Reaktor und Hochspannungleitung). -
Infos zu der Atompolitik in Frankreich gibt es auf der Homepage von Sortir du nucléaire: http://www.sortirdunucleaire.org/ oder 1 Artikel auf : http://www.ligatomanlagen.de/Atompolitik-fkch.html
http://de.indymedia.org/2007/10/198021.shtml?c=on#c462352
In Lüneburg:
Mahnwache für Sebastien in Lüneburg: Mi. 7. November 2007, 19Uhr am Bahnhof.
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